2016: Die Unternehmensgruppe „Deutsche Glasfaser“ stellte ihr Projekt vor.

In 2016 kochte das deutschlandweit bestehende Problem der Unterversorgung mit Breitbandanschlüssen erneut hoch. Die Politik auf Landes- und Bundesebene fand auch bei diesem Thema viele warme Worte für betroffene Kommunen. In der Praxis wurde Deutschland international zu einem Beispiel, was passiert, wenn moderne Technologie auf preußische Bürokratie trifft.

Dazu schrieb der damalige Bürgermeister der Gemeinde Reddelich, Ulf Lübs, im April 2021:

Der Bedarf an Übertragungskapazitäten ist stetig im Steigen begriffen. Wo 2013 noch 30 Mb/s als Einstiegsrate zur Breitbandversogung galt, waren es 2016 bereits 50 Mb/s – mit steigender Tendenz. Möglich waren bereits Übertragungsraten von über 100 Mb/s. Dies allerdings nur mit Glasfasertechnologie bis zu den Hausanschlüssen, die sich als internationaler Standard durchzusetzen begann. Nicht so für deutsche Privathaushalte. Das deutsche Problem war die Deutsche Telekom, die noch viele Jahre nach deren Privatisierung auftrat wie ein Staatskonzern. Die Deutsche Telekom hatte sich auf Datenübertragungstechnologien auf Basis ihres Netzes aus Kupferkabeln festgelegt, die noch aus dem 20. Jahrhundert stammten. Diese waren meist längst abgeschrieben und deren Weiterbetrieb verschaffte dem Konzern traumhafte Gewinne. Durch die Monopolstellung bei den Netzen konnte die Deutsche Telekom in Deutschland die europaweit höchsten Preise für Datenübertragung, wozu auch das Telefonieren zählt, durchsetzen. Die Bundesregierung war dem Konzern dabei ein willfähriger Helfer, bis an die Grenze des politisch Machbaren.

Trotz dieses Hintergrunds schob der Landkreis Rostock ein Projekt an, dass die Breitbandversorgung aller Haushalte im Projektgebiet zum Ziel hatte – unabhängig von deren Rentabilität. Dazu gab es Förderzusagen von anfangs 120 Millionen Euro, wobei auch unsere Region zu den begünstigten zählte. Eine Idee, die zunächst breite Zustimmung bei den Kommunen fand. Auch, weil es zu dem Zeitpunkt kaum eine Alternative dazu gab. Zunehmend zum Problem wurden zwei Aspekte:

  1. Der Landkreis ist eine Behörde, in der die alte These griff: Behörde + Hochtechnologie = Chaos
  2. In das Projekt sollten immense Fördermittel der öffentlichen Hand fließen. Dafür gilt in der Regel: Um einen Euro Fördermittel zu erhalten muss der Begünstigte zwischen einhalb und zwei Euro aufwänden.

In der Praxis konnten die Bagger erst nach öffentlichen Ausschreibungen der Leistungen anrollen um die neuen Leitungen zu verlegen. Die Ausschreibungen konnten wiederum erst erfolgen, nachdem der Förderstatus des gesamten Projektes klar war. Wann, wo, wie viele Fördermittel benötigt wurden war ein dynymischer Prozess. Das bedeutete, als die Ausschreibungsunterlagen fertig zur Veröffentlichung waren, hatten sich die Förderbedingungen geändert und es musste neu ausgeschrieben werden. Schuld daran waren auch verschieden Zeitrechnungen der Beteiligten. Während bei den Unternehmen ein Tag die Grundeinheit war, rechneten Behörden auch damals schon eher mit Monaten.

Erschwerend kam noch hinzu, dass nach den Förderrichtlinien technologieoffen ausgeschrieben werden musste. Das wurde zu einem beispiellosen Kotau zugunsten der Deutsche Telekom. Der Konzern dachte nicht daran, seine Kunden mit moderner FTTH-(Fiber to the Home) Technologie zu beglücken,die zwischenzeitlich weltweiter Standard geworden war. Sie peppten lieber ihre vorhanden Netze auf Kupfer-Basis soweit auf, dass diese gerade so den Förderbedingungen entsprachen. Genannt wurde dieses Lifting Vectoring, was sehr modern klang. Durch das vorhandene Leitungsnetz musste deutlich weniger gebuddelt werden, was die Deutsche Telekom jede Ausschreibung gewinnen ließ. Die ausgebremsten Endkunden würden sich das schon irgendwie schön reden.

Mitten in diesem Prozess stellte sich 2016 im Amtsausschuss ein junges Konsortium von Technologie-Unternehmen vor, die sich Deutsche Glasfaser nannten. Diese wollten im ländlichen Bereich der Region Glasfaserleitungen bis zu den Endverbrauchern zu legen. Dabei verzichtete das Konsortium auf Fördermittel, weil diese mehr hemmten als nützten. Finanziert werden sollte die Infrastruktur durch vorhandenes Wagniskapital internationaler Geldgeber, was bei den Anwesenden für Irritationen sorgte. Kann das funktionieren? Wo ist der Haken? Dies waren die Kernfragen der Amtsausschussmitglieder.

Wir fanden keine Haken. Die Deutsche Glasfaser schloss Verträge mit den Endverbrauchern ab. Wenn vierzig Prozent der Haushalte eines definierten Gebietes einen Versorgungsvertrag mit der Deutsche Glasfaser abgeschlossen hatten, wurde gebaut. Die Konditionen für die Endkunden waren, für zwei Jahre Mindestlaufzeit, deckungsgleich mit dem damaligen Einstiegsangebot der Deutsche Telekom, dass allerdings unter 16 Mb/s im Download und max 0,75 Mb/s im Upload umfasste. Bei der Deutschen Glasfaser lag das Einstiegsangebot zunächst bei 100 Mb/s sowohl im Down- als auch im Upload. Bandbreiten bis 1 Gb/s waren möglich.

Bedingung für den Ausbau war auch die wohlwollende Unterstützung der Kommunen bei der Planung und Ausführung. Geld floss dabei keines. Die Deutsche Glasfaser wollte lediglich ihr Projekt im Konsens mit der Kommune durchführen.

Epilog

Heute – fünf Jahre später, kann ein Fazit gezogen werden. Glasfaser bis ins Haus (FTTH) hat sich als internationaler Standard durchgesetzt und von Breitband wird nun bei Übertragungsraten über 100 Mb/s gesprochen. Die Deutsche Telekom vermarktet immer noch ihr Vectoring, welches sie bis an die physikalischen Grenzen aufgeplustert haben. Das Projekt Breitbandausbau des Landkreises befindet sich für unsere Region immer noch in der Planungsphase. Das Angebot der Deutsche Glasfaser haben in unserem Amtsbereich lediglich Admannshagen-Bargeshagen und Reddelich angenommen.

In Reddelich hat das auch nur geklappt, weil die Gemeindevertretung das wollte und Bürger nicht nur an sich gedacht hatten, sondern sich sich aktiv eingebracht haben. Es wurde aufgezeigt, dass Bürgerinitiativen nicht zwingend destruktiv – also zur Verhinderung von irgendwas – sein müssen.

Für unsere Entscheidung, das Angebot der Deutsche Glasfaser für unseren Ortskern anzunehmen, wurden wir z. T. harsch kritisiert. Angeblich hatten wir uns unsolidarisch verhalten, weil wir nicht abwarten wollten bis Reddelich und Brodhagen komplett erschlossen werden. Ich behaupte, genau das Gegenteil ist der Fall. Der Anteil der von der Deutschen Glasfaser versorgten Haushalte am Fördermittelpaket kommt nun den nicht versorgten Haushalten zugute. Der höhere Erschließungsaufwand kann damit kompensiert werden. Also grundsolidarisch, wie ich meine.

Im Rückblick haben wir, die Unterstützer des Alternativprojektes Deutsche Glasfaser alles richtig gemacht. Das Einstiegsangebot liegt für die Kunden der Deutsche Glasfaser bei bei 200 Mb/s sowohl im Down- als auch im Upload. Damit müssen wir auf kein Angebot im Multimedia- oder IT-Sektor wegen fehlender Bandbreite verzichten. Auch bei der Nutzung von Homeoffice begrenzen die Server der Arbeitgeber den Workfloat, wie Arbeitsfluss nun oft genannt wird.

Ulf Lübs, im April 2021